Lehre und Bündnisse, Ausgabe 1903, beginnend mit den "Vorlesungen über Glauben"

Thorolf  B. Glumann

180 Jahre „Vorlesung über Glauben“ von Joseph Smith

Geschichtlicher Hintergrund, Autor  und Wert des Textes

 

Am 17. August 1835 wurde in einer feierlichen Versammlung der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Kirtland Ohio das Buch Lehre und Bündnisse als Heilige Schrift angenommen. Der Teil 1 dieses Buches umfasste 75 Seiten und wurde als Vorlesung über Glauben bezeichnet. Der ungleich wichtigere Teil 2 trug damals noch den Namen „Bündnisse und Gebote“ und enthielt die bis dahin empfangenen Offenbarungen des Propheten. Ich möchte dieses Jubiläum benutzen, um einige Anmerkungen zu Geschichte, Inhalt und Bedeutung der Vorlesungen über Glauben zu machen, deren neuere deutsche Übersetzung von Angelika Glumann erbracht und inzwischen in der bald vergriffenen 2. Auflage verfügbar ist (siehe die Information nach diesem Artikel).

Der Zustand der Kirche Ende 1834 war dadurch gekennzeichnet dass die etwas mehr als tausend Mitglieder überwiegend in zwei Zentren lebten:  Kirtland/Ohio und Zion/Missouri . Es existierte noch kein Gemeindehaus, geschweige denn ein Tempel. Insbesondere in Zion/Missouri gab es erhebliche Anfeindungen. Auch innerkirchliche Probleme machten dem Propheten zu schaffen. Er war ansonsten geprägt von seinen bisherigen Erfahrungen mit der jenseitigen Welt: Die Besuche des Engels Moroni, die Erste Vision, die Ordinationen zum Aaronischen und Melchisedekischen Priestertum durch Johannes den Täufer bzw. Petrus, Jakobus und Johannes, Empfang von mehr als 100 Offenbarungen. Seit 14 Jahren hatte er Anfeindungen und Verfolgungen zu erdulden. Seine bisherigen Leistungen waren bereits bahnbrechend: Die Übersetzung und Veröffentlichung des Buches Mormon,  die Gründung der Kirche 1830, die inspirierte Übersetzung der Bibel, der Empfang von  Offenbarungen, die im Buch der Gebote zusammengestellt und Grundlagen für die Organisation der Kirche waren.

Vor diesem Hintergrund geschah es, dass im Winter 1834/35 in Kirtland eine Schule der Ältesten durchgeführt wurde, an der zwischen 12 und 25 Älteste teilnahmen. Hauptzweck war wohl die Vorbereitung auf den Missionsdienst. Es wurden mehrere Fächer angeboten. Eines der Themen in diesem Winter war Theologie. Im Januar 1835 hat Joseph Smith die bis dahin gehaltenen Vorlesungen überarbeitet und zur Veröffentlichung vorbereitet. Er schreibt dazu: „Während des Monats Januar war ich in der Schule der Ältesten beschäftigt und mit der Vorbereitung der Vorlesungen über Theologie zum Zweck der Publikation in dem Buch Lehre und Bündnisse, das das im vergangenen September ernannte Komitee gerade zusammenstellte.“(History oft he Church, Band 2, S. 180, eigene Übersetzung,(1)). Damit hat Joseph Smith die Verantwortung für diesen Text voll und ganz übernommen auch wenn nicht gesichert ist, dass er alle Vorlesungen selbst in der Schule der Ältesten gehalten hat. Im Gegensatz zu manchen Autoren halte ich es deshalb für unerheblich, ob vielleicht z. B. Sidney Rigdon die eine oder andere Vorlesung gehalten hat.

Im August 1835 fand dann die feierliche Versammlung der gesamten Kirche statt mit dem Zweck der  Anerkennung von Lehre und Bündnisse als Heilige Schrift. Teil 1 dieses Buches waren die „Vorlesungen über Glauben“, die Joseph in obigem Zitat noch als Vorlesungen über Theologie bezeichnet hatte. Sie umfassten die ersten 75 Seiten des Buches (vgl. obiges Foto). Danach kamen als Teil 2 die bisher empfangenen Offenbarungen unter dem Titel „Bündnisse und Gebote“. Im Zeugnis der Zeugen für Lehre und Bündnisse wurde der Teil 1 als „nützliche Lehre“ bezeichnet. Er war 86 Jahre lang Teil der Lehre und Bündnisse. Mindestens 5 Propheten mit ihren Ratgebern und Aposteln haben ihn für wertvoll erachtet, bis man 1921 seinem von den Offenbarungen abweichenden Charakter Rechnung trug und ihn herausnahm. Auch danach haben Autoritäten wie Joseph Fielding Smith und Bruce R. McConkie den Wert der Vorlesungen betont. Ersterer konnte sich nicht vorstellen, dass ein anderer als Joseph Smith den Text verfasst hat.

Ich persönlich schätze die Vorlesungen über Glauben u. a. deshalb, weil hier der Prophet, der nie eine Hochschule besucht hat, ansatzweise wissenschaftlich argumentiert. Seine Sprache ist auch eine deutlich andere als die bei den Verbaloffenbarungen, bei denen ja Jesus Christus selbst spricht. Dies stärkt wiederum mein Zeugnis von der Echtheit der Verbaloffenbarungen, die Joseph Smith empfangen hat. Die Vorlesungen über Glauben sind dagegen für mich ein Stück seiner intellektuellen Persönlichkeit und bringen ihn mir damit näher. Es ist mir eine besondere Ehre, zusammen mit meiner Frau bewirkt zu haben, dass der Text seit nunmehr 33 Jahren in deutscher Sprache zur Verfügung steht und mit seinen beiden Auflagen Eingang in mehr als 1500 heimische Bibliotheken gefunden hat.

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(1)„History of the Church“ oder “HC” sind Abkürzungen, die von der Kirche und von Wissenschaftlern für folgendes Werk verwendet werden: „History of the Church of Jesus Christ of Latter-day Saints, Period I, History of Joseph Smith, the Prophet, by himself, Volume I to VI, An Introduction and Notes by B. H. Roberts, Published for the Church, Second Edition revised, The Deseret Book Company, Salt lake City, Utah, 1976.” Ich teile deshalb diese vollständige bibliographische Angabe mit, um deutlich zu machen:  Abgesehen von den Fußnoten von B. H Roberts hat Joseph Smith diese Geschichte weitgehend selbst geschrieben. (Von manchen Ansprachen hat er allerdings Protokolle verwendet, weil die exakten Texte nicht verfügbar waren)

 

 

 

Thorolf B. Glumann

 

hat den Preis der Jury beim

 

1. Chemnitzer Philosophy

 

Slam

 

mit seinem Essay

"Ich liebe dich, wenn ich mich liebe. Ich liebe mich, wenn ich dich liebe"

gewonnen.

 

Der 1. Chemnitzer Philosophy Slam fand am 3. Juli 2014 im Kulturzentrum Tietz statt. Der große Saal war trotz 11 € Eintritt mit ca. 75 Gästen gut gefüllt. Jeder Slammer hatte maximal 15 Minuten Zeit, einen philosophischen Text zu präsentieren. Dieser wurde dann von jedem Jurymitglied kommentiert. Am Ende der Veranstaltung einigte sich die Jury über ihren Preisträger. Danach wurde das Publikum aufgefordert, seinen Preisträger durch die Stärke des in Dezibel gemessenen Applauses zu küren.

 

Jury

Prof. Dr. Bernadette Malinowski

Dekanin der Philosophischen Fakultät der TU Chemnitz und Inhaberin des Lehrstuhls für neuere Deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft

Dr. phil Gerhard Hofweber

Initiator des Philosophy Slam

Burkhard Müller

Dozent für Latein und Literaturkritiker bei der Süddeutschen Zeitung

 

Der Preis des Publikums ging an

Eva Wunderbar, Berlin.

Sie hat einen gereimten philoosphischen Text sehr kunstvoll vorgetragen. Dieser befasste sich rein zufällig (?) auch mit dem Thema Eigenliebe - Nächstenliebe, und zwar aus der Sicht einer jungen Frau, die Beziehungsprobleme hat.

 Inzwischen hat Eva Wunderbar ihr erstes Album veröffentlicht.

 

 

 

Hier der Text

 

Thorolf B. Glumann

Ich liebe dich, wenn ich mich liebe. Ich liebe mich, wenn ich dich liebe.

Zum Verhältnis von Eigen- und Nächstenliebe

                                                                                                        

Kann man sich selbst überhaupt lieben? Kann man sich selbst eine Liebeserklärung machen? Sich vor den Spiegel stellen und mit einem koketten Augenaufschlag dem Spiegelbild zuflüstern: Ich liebe dich? Sich vielleicht sogar noch ein Küsschen geben. Das funktioniert. Es bleiben sogar eindeutige Spuren auf dem Spiegel zurück. Schwierig wird es nur, wenn man sich etwas ins rechte Ohr flüstern möchte. In dem Moment, wo man sich mit dem Mund dem rechten Ohr nähert, kommt im Spiegel das linke heran. Chaotisch.

 

Braucht die Liebe nicht das Du? Kann mein Ich mein Du sein? In den Selbstgesprächen, die ich mitunter führe, kommt es regelrecht vor, dass ich mich mit du anrede. Ist das eine Art von Perversion, eine Art von Schizophrenie? Ich halte es für normal. Wenn ich eine Beziehung zu mir selbst haben kann, dann kann ich mich auch selbst lieben. Diese Eigenliebe wird sogar zum Maßstab der Nächstenliebe erhoben in dem Satz in der Bibel, der nicht nur für Christen eine Art moralisches Prinzip darstellt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“[i]

 

Wie sieht es aus mit meiner Eigenliebe? Gefallen tu ich mir jedenfalls nicht so ganz. Wenn ich wieder in den Spiegel schaue und dort denjenigen ohne schützende Kleidung stehen sehe, den ich lieben soll, wird mir so gar nicht warm ums Herz: Die vielen Falten im Gesicht, an Brust und Bauch und Po, massenhaft Altersflecken auf der Haut, Krampfadern an den Beinen. Wenn ich mich dann mit meinem großen Vorbild vergleiche, dem Gott Apollon, dann wird mir regelrecht schlecht. Mit dem Philosophen Peter Sloterdijk und dem Dichter Rainer Maria Rilke möchte ich rufen: ‚Du musst dein Leben ändern.[ii]‘ Auch seelisch hab‘ ich so vieles zu bemängeln: Jähzorn, Trägheit und so manche andre „Tugend“. Manchmal mag ich mich wirklich nicht. Lieb‘ ich mich trotzdem? Muss ich mich mögen, um mich zu lieben? Ist Gefallen eine Voraussetzung für Liebe oder gar das gleiche? Wenn ja, so könnte ich mich nicht lieben. Ich wäre innerlich zerrissen. Ich würde verzweifeln. Der Ruf, du musst dein Leben ändern, würde mich wahnsinnig machen, weil mir kaum eine Änderung gelingt. Auch andere könnte ich nicht lieben. Ich wäre so mit mir selbst beschäftigt, dass ich für andere kaum etwas tun könnte. So war es lange Zeit in meinem Leben. Zum Glück ist es nicht mehr ganz so schlimm. Ich kann mit meinen Schwächen und Macken leben und sage mir: ‚Ich bin so wie ich bin und ich darf so sein. Ein bisschen Fortschritt strebe ich an. Und ein paar Stärken habe ich auch‘. In diesem Sinn liebe ich mich und könnte auch dich lieben.

 

Liebe ich dich wirklich? Dabei fällt mir ein, dass du auch nicht mehr die Jüngste bist. Dein Körper reißt mich nicht so recht vom Stuhle und rein ins Bett. Ich kenn dich zu genau. Auch dir fehlt es an schwachen Stellen nicht, körperlich und seelisch. An manche hab ich mich zähneknirschend gewöhnt. Andere ärgern mich immer noch. Dann ärgere ich mich über mich selbst. Was bild‘ ich mir ein? Bin ich besser? Du kannst nichts dafür. Werden wir nicht alle älter? Sollte ich dich nicht trösten anstatt mich zu ärgern: Imperfect is beautiful? Oder dir helfen, das Beste daraus zu machen? Dich lieben mit all deinen Schwächen? Und vor allem auch deine Stärken sehen und mich an die vielen schönen Momente erinnern, die wir erlebt haben und noch erleben? In manchen Situationen kann ich mich selbst von diesen Argumenten überzeugen. Dann geht es mir erstaunlicherweise sogar besser. Ich liebe mich selbst, wenn ich dich liebe.

 

Ist es schlimm, dass es mir gut geht, wenn ich dich liebe? Ist das am Ende auch nur wieder eine Form von Egoismus? Oder ist es eine Art Naturgesetz, dass wir gar nichts Besseres für uns selbst tun können als andere zu lieben? Nächstenliebe eine Form von Eigenliebe? Richtig verstandene Eigenliebe drängt zur Nächstenliebe?

 

Da fällt mir mein Chef ein. Er mochte mich nicht all zu sehr. Ich war ihm zu kritisch. Als ich dann gegen seine Rationalisierungsmaßnahme beinahe erfolgreich opponiert und sogar noch Kollegen dagegen mobilisiert habe, war für ihn das Maß voll. Er hat mir Beine gestellt, wo er nur konnte: Bossing nennt man das heutzutage. Mein Chef war mein Feind. Das Ganze gipfelte in einer Abmahnung und endete vor dem Arbeitsgericht. Es kam zum Vergleich. Ich blieb im Betrieb, den Chef immer noch vor der Nase. Wie viele Stunden habe ich in dieser Zeit damit verbracht, auf meinen Chef innerlich zu schimpfen, alle seine Schwächen aufzuzählen, ihn vor mir selbst madig zu machen, mich selbst in meinem Verhalten zu rechtfertigen. Hatte ich nicht Recht? Ja, ich war ein Rechthaber, ein Michael Kohlhaas war ich, dessen Schicksal Kleist so treffend beschrieben hat. Bis so ganz leise die Botschaft zu mir selbst durchdrang, die ich schon so oft bewundert hatte: ‚Liebt eure Feinde!‘[iii]. Was für eine Herausforderung! Und dann die Überraschung in der Praxis: In dem Maße, wie ich mich in seine Situation versetzte, seine durchaus vorhandenen Stärken sah, Geduld und Großzügigkeit an den Tag legte, ging es mir selbst allmählich besser. Ich konnte mir keinen größeren Dienst erweisen als auch ihn, der mir Übel wollte, zu ertragen, zu erdulden. Noch bevor ich mich in die Rente verabschiedete, haben wir uns sogar wieder gegrüßt. Ich habe mich geliebt, indem ich ihn lieben lernte.

 

Also doch: Eigenliebe und Nächstenliebe bedingen sich gegenseitig, sind wie zwei Seiten einer Medaille, stehen in einem symmetrischen Verhältnis zueinander?  Aber wie steht es dann mit der Selbstlosigkeit? Muss Liebe nicht selbstlos sein? Bei der Eigenliebe ist es ein Widerspruch in sich. Selbstlose Eigenliebe? Das macht keinen Sinn. Dieser Widerspruch ist ein Argument gegen das Postulat der Selbstlosigkeit als ein Merkmal der Liebe. Bei der Nächstenliebe sieht es scheinbar anders aus.

 

In einem Seegebiet, in dem es von Haien wimmelt, verliert ein Kind das Gleichgewicht und stürzt vom Bootsrand ins Meer. Ohne zu zögern, springt der Vater hinterher. Beide können schwimmen, aber die Haie sind schneller. Die spontane Entscheidung war ein Ausdruck der selbstlosen Liebe des Vaters zu seinem Kind. Er hat sie mit dem Leben bezahlt. Seine Nächstenliebe hätte größer nicht sein können. Hat er auch sich selbst geliebt?

 

Das hängt davon ab, was ihn nach dem Tod erwartet. An dieser Stelle betreten wir die Grenze zwischen Ethik und Metaphysik. Wenn alles menschliche Dasein mit dem Tod endet, so haben weder der Sohn noch der Vater etwas von dessen Opfer. Selbst die Nachrufe in den Zeitungen und die Erinnerung in der Familie können sie nicht mehr wahrnehmen. Wenn nach dem Tod das geschieht, was orthodoxe Christen, Moslems und Juden (in der Tradition der Pharisäer) glauben und was die Forschungen über Nahtoderfahrungen nahelegen, dann sieht die Sache anders aus: Der Vater und der Sohn werden sich im Jenseits in die Arme schließen. Der Sohn wird wissen, wie sehr ihn sein Vater liebt. Sie werden beide glücklich sein über das gemeinsame Erlebnis im Erdenleben. Den Vater wird ein Blick zurück auf sein Erdenleben lehren: Als ich meinen Sohn liebte, indem ich mein Leben in einem Moment der Selbstlosigkeit für ihn hingab, habe ich auch mich geliebt. Mein Leben lang hätte ich mir Vorwürfe gemacht, wenn ich nicht versucht hätte, meinen Sohn zu retten. Und wie hätte ich mich gefühlt, wenn ich nach Jahren durch den Tunnel des Todes zu ihm gegangen wäre?

 

Nächstenliebe und Eigenliebe sind wie zwei Seiten einer Medaille. Sie sind symmetrisch. Allerdings nur unter der Bedingung, dass es eine bestimmte Form von Leben nach dem Tod gibt. Wenn diese Bedingung nicht erfüllt ist und die Atheisten Recht haben, ist die Symmetrie verletzt. Der Atheist bringt subjektiv sogar das größere Opfer, indem er sein Leben einsetzt, obwohl er keinen Lohn im Jenseits erwartet.

 

Tja, meine Damen und Herren, ich habe versucht, Ihnen ein paar Gedanken auf möglichst unterhaltsame Weise nahe zu bringen. Ich möchte es aber nicht unterlassen, den Wert der ganzen Sache etwas zu relativieren. Schließlich habe ich als Philosoph nichts weiter getan als meine persönlichen Erfahrungen auszuwerten und ein paar logische Überlegungen anzustellen mit einer Hypothese als Ergebnis. Aus der Sicht einer empirischen Wissenschaft wie der Psychologie ist das nicht ausreichend. Ich als Einzelperson bin ja nicht das Maß aller Dinge. Es stimmt zwar, dass ich eine ganze Reihe Leute kenne, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und meiner These zustimmen könnten. Aber die Psychologen würden mit Recht sagen: Trotzdem unbewiesen. Ich antworte: Bis jetzt, aber die These ist prinzipiell falsifizierbar, d. h. sie kann mit den Methoden der empirischen Forschung getestet werden.

 

So lange das nicht geschehen ist, bleibt Ihnen, meine Damen und Herren, nur die Möglichkeit, selbst den Turm der Philosophie zu verlassen und sich ins ‚wahre Leben‘ zu begeben. Dabei können sie sich gelegentlich fragen: Liebe ich mich? Liebe ich dich? Gibt es da eine Symmetrie?

 

Anmerkung des Verfassers:

ich würde mich über Kommentare - auch kritische -  freuen. Dazu steht das Gästebuch zur Verfügung. (Hinweis: Das Gästebuchprogramm der Homepage verlangt zwar die E-Mail-Adresse des "Gastes", zeigt sie aber nicht dem Leser der Homepage. Sie wird also nicht veröffentlicht. Nur der Administrator kann sie einsehen). Außer dem Gästebuch steht auch der E-Mail-Account info@omega-media.net zur Verfügung.

 

 

 


[i] Neues Testament, Matthäus 22:39

[ii] Rilke, Rainer Maria (1908/1955): Archaischer Torso Apollos, Sonett. In: Sämtliche Werke. Erster Band, Insel Verlag, Frankfurt a. M. Sloterdijk hat den letzten Satz des Sonetts zum Titel seines Buches gemacht. (Vgl. Sloterdijk, Peter (2009): Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik. Suhrkamp, Frankfurt a. M.

[iii] Neues Testament, Matthäus 5:44

Thorolf B. Glumann

Liebe, die Königin unter den Tugenden

 

Die Liebe ist die Königin unter den Tugenden so wie Jesus Christus der König unter den Menschen ist. Beide, die Tugendkönigin und der Menschenkönig, sind auf besondere Weise miteinander verbunden: In der Liebe fließen alle Ströme der göttlichen Lehre zusammen und bilden die wahre Theorie des Guten, Göttlichen. In Jesus Christus wird diese Theorie Wirklichkeit in Form des vollkommenen Menschen, der nichts anders ist als ein Gott. Johannes formuliert diesen Zusammenhang in dem Satz „Gott ist die Liebe“[1]. Die zentrale Stellung der Liebe in der göttlichen Lehre wird von Jesus selbst hervorgehoben, indem er sagt, dass in der Liebe das ganze Gesetzt und die Propheten enthalten sind.[2] Auch Paulus hat die zentrale Stellung der Liebe vor Augen, wenn er Glaube, Hoffnung und Liebe vergleicht und sagt „Aber die Liebe ist die größte unter ihnen“.[3]

Bleiben wir beim Bild der „Königin unter den Tugenden“. In einem Land, in dem eine Königin die absolute Herrscherin ist, darf nichts geschehen, was gegen ihren Willen verstößt. Sie gibt den Rahmen vor für alles kulturelle, wirtschaftliche und politische Handeln der Bürger und Vereinigungen dieses Landes. Was die Königin rechtfertigt, ist gerechtfertigt, was sie verurteilt, ist verurteilt. Genauso ist es mit der Liebe in der christlichen Moral: Nur was durch sie gerechtfertigt werden kann, ist gut und damit auf lande Sicht nützlich. Alles was gegen die Liebe verstößt, ist böse und damit auf lange Sicht schädlich. Statt lange Sicht hätte man auch sagen können „ewige Sicht“ oder „göttliche Sicht“, denn in dieser Perspektive müssen alle Handlungen letztlich beurteilt werden.

Die Königin der Tugenden hat es nicht leicht: All ihre Untergebenen von der Ehrlichkeit über die Keuschheit bis hin zur Gründlichkeit neigen dazu, ihr die Herrschaft streitig zu machen. Sie sind rebellisch und möchten gern Königin sein. Nur mit Mühe lassen sie sich im Zaum halten. Es gibt einen, der sie zur Rebellion anstachelt, nämlich der Erzfeind der Liebe und damit auch der Erzfeind von Jesus Christus: Satan, der gefallenen Engel.

Im Leben von uns Menschen stellt sich dieser Sachverhalt so dar, dass wir die guten Eigenschaften, die wir haben, sehr leicht übertreiben, überbetonen, stolz darauf sind, auf andere herabsehen, andere Menschen darunter leiden lassen. Allzu leicht wird aus einem Ordnungsliebenden ein Pedant, aus einem Gesetzestreuen ein Pharisäer, aus Vaterlandsliebe wird Nationalismus, aus Überzeugung Fanatismus. Diese Reihe von Übertretungen und Entgleisungen in einer ursprünglich guten Sache lässt sich lange fortsetzen und auf alle Lebensbereiche übertragen. Immer ist es die disziplinierende und harmonisierende Kraft der Liebe, die fehlt, um einen guten Anfang zu einem guten Ende zu führen. Im Leben vieler, vielleicht der meisten Menschen wird die Liebe entthront.

Wir alle müssen ständig darum kämpfen, in ihr zu verbleiben. Das ist nichts anderes als der tägliche Kampf des Christen, im Geist der Leibe, nämlich dem Heiligen Geist, zu verbleiben. Das wiederum ist gleichbedeutend mit der Bemühung, in Christus zu verbleiben so wie Er im Vater verbleibt.[4]

 

[1] 1. Johannesbrief 4:16

[2]  Matthäus 22:40

[3] 1. Korinther 13:13

[4] Johannesevangelium 17:11

Thorolf B. Glumann

Kreuz und Klassenkampf.

Anmerkungen zu einem Vortrag der evangelischen Theologin  

Dorothee Sölle[1]

 

Ein überwiegend sozialistisch orientiertes Publikum war im Rahmen einer Literaturwerkstatt der Hamburger "Kulturinitiative Goldbekhaus" zusammengekommen und konnte mit großer Genugtuung den Ausführungen der Kölner Theologin Dorothee Sölle folgen, die Jesus Christus als Revolutionär und Klassenkämpfer präsentierte.

 

Ausgehend von Matthäus 16:24 ("Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich") folgerte Frau Sölle:

1. "Sein Kreuz auf sich nehmen" heißt in der heutigen Zeit wie damals: im Klassenkampf Partei ergreifen zugunsten der Armen und Entrechteten.

2. Vorbild hierfür ist Jesus Christus selbst, der zu seiner Zeit gegen Sadduzäer, Pharisäer, Schriftgelehrte und Römer auf Seiten der Armen, der Unterdrückten, der Sünder und Frauen kämpfte.

3. Im Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung sind illegale Handlungen bis zu abgestufter Gewaltanwendung von Christus praktiziert worden und auch heute gerechtfertigt.

4. Als Christen müssen wir ein "umfassendes Mitleiden" mit den Unterprivilegierten dieser Erde entwickeln.

5. Wir müssen unsere Vision von der besseren Welt konkretisieren und mitteilen.

 

Volle Zustimmung darf vorweg den wichtigen Thesen 4 und 5 gezollt werden. Die Thesen 1 - 3 dagegen dürften einem engagierten Christen, der die Bibel im Wesentlichen als Heilige Schrift akzeptiert, erhebliche Schwierigkeiten bereiten. Schwerwiegend ist dabei, dass Frau Sölle nicht nur Klassenkampf mit notfalls illegalen und brachialen Mitteln predigt,, sondern auch Jesus Christus und das Neue Testament als ausschlaggebende Argumente anführt. Im Folgenden möchte ich nicht zu der brennenden Frage Stellung nehmen, ob und unter welchen Umständen ein Christ in dieser Zeit Klassenkampf, Illegalität und Gewaltanwendung mit seinem Glauben vereinbaren kann, sondern möchte mich auf die Frage beschränken, inwieweit das Neue Testament und das Verhalten Christi Argumente für diesen Standpunkt liefern.

 

Wenn wir bei Matthäus einfach die nächsten beiden Verse lesen, erkennen wir bereits die Fragwürdigkeit der Auslegung von Frau Sölle: "Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele."

 

Beim Studium der Evangelien spüren wir durchaus, dass die Mission Christi etwas Radikales und Revolutionäres hatte. Aber worin lag es? Sicher hat er Partei ergriffen, aber doch nicht für oder gegen eine Bevölkerungsschicht, sondern für die Liebe, für die Wahrheit, für die Gerechtigkeit etc. Dass dabei die Reichen, Mächtigen und Weisen besonders schlecht weggekommen sind, lag an deren Verstößen gegen diese und andere göttliche Prinzipien. Er hat jedoch die Sünde der Armen und Geknechteten nicht beschönigt. Nur fand er bei ihnen Glauben, Demut und Bußfertigkeit und konnte deshalb heilen, trösten und vergeben.

 

So sehr Jesus heute für uns das Image eines Revolutionärs haben mag, so sehr unterscheidet er sich jedoch in der Wahl seiner Ziele und Mittel von einem Che Guevara und einem Rudi Dutschke. Ziel war für ihn u. a. die Erneuerung des Reiches Gottes auf Erden. Hauptmittel waren das Vorbild, die Predigt und schließlich die Hingabe seines Lebens im Eintreten für die Wahrheit.

 

Zwar hat er das Schwert ergriffen, aber "nur" das Schwert seines Geistes. Als Petrus mit dem eisernen Schwert zuschlug, hat Jesus ihn zurechtgewiesen und den Schaden an seinen Feinden wieder gutgemacht. Gibt es eine entschiedenere Gewaltlosigkeit? Die Vertreibung der Händler aus dem Tempel ist die einzige überlieferte gewaltsame Handlung Jesu. Wenn man glaubt, dass Jesus buchstäblich der Sohn Gottes ist, so erkennt man, dass er sich im Tempel als "Sohn des Hausherrn" fühlte und dessen Rechte wahrgenommen hat. Frau Sölle konnte jedoch auf Befragen mit dem Begriff "Sohn Gottes" nichts anfangen.

 

Nicht ganz so einfach ist Jesu Verhältnis zur Legalität. Frau Sölle führte seine Übertretungen des Sabbatgesetzes an. Immerhin schienen diese nicht so schwerwiegend zu sein, dass er dafür vor Gericht belangt werden konnte. Noch nicht einmal die Pharisäer drehten ihm einen haltbaren Strick daraus. Im Übrigen hat er nur deren rigorose und lieblose Auslegung des Gesetzes missachtet und nicht den Geist und Buchstaben seiner mosaischen Formulierung. Hat nicht Jesus zeitweise so viel Einfluss auf breite Bevölkerungsschichten gehabt, dass er sie leicht zu Demonstration, Streik, Aufruhr, Terror, ja zum Putsch hätte organisieren können? Aber er war nicht der reißende Löwe, den damals und heute viele in ihm sehen wollten, sondern das friedliche Lamm, das sich zur Schlachtbank führen ließ.

 

Gerade dieser zunächst so unverständliche Opfertod, dieser scheinbare Verzicht auf Machtausübung, erwies sich langfristig als die geschicktere, wirksamere Strategie der Befreiung. Nicht Klassenkampf, Illegalität und Gewalt sind die Pfeiler dieser von Jesus vorgelebten Konzeption, sondern Vorbild, Predigt und Opfer. Wenn wir ihm nachfolgen wollen, müssen wir das Evangelium an uns selbst vorbildlich verwirklichen, uns zu unbequemer Predigt aufraffen und schließlich das kaum vermeidbare persönliche Opfer, in welcher Form auch immer, bringen. Dadurch nehmen wir unser Kreuz auf uns und folgen ihm nach.

 

Wenn dies alle Christen tun und sich darüber hinaus unter Ausnutzung aller politischen und rechtlichen Möglichkeiten organisieren, so kann eine durchschlagende positive Wirkung auf die Entwicklung dieses Planeten nicht ausbleiben.

 

[1] In: Perspektiven, Saarbrücken 1982, S. 17-18