Leseproben

ANFÄNGE

 

Heute kamst du angerannt;

ein kleines geflecktes Ei in deiner Hand.

Ich weiß,

du konntest kaum verstehen,

was ich dir erzählt’

von Anfängen:

dass ein Vogel aus dem Ei sich schält,

auch davon,

dass vor vielen Jahren

du deinen Anfang nahmst,

so winzig, dass man es

nicht sehen kann.

Und dann

wurdest du –

wie ein Ei nach dem

Himmel sich sehnt

und das Samenkorn

sich zum Baume dehnt –

wie ich.

 

Doch es gibt

noch so viel mehr zu erlangen.

Du und ich,

Kind,

haben gerade erst angefangen.

 

Stelle dir vor:

Was können wir sein

in fernen Welten,

die wir schon hier

als Samen

der Gottheit gelten.

 

 

 

ANALYSE

 

Ich bin,

verkünden sie

gebieterisch,

ein Produkt

meiner Umwelt

und Erbanlagen.

 

Richtig.

Doch mein Kern

ist durchzogen

von noch etwas mehr:

jener jetzt vergessenen Ganzheit

die ich war

vorher.

 

 

 

RITUAL

 

 

Wozu Rituale?

Kann ich Christus nicht

empfangen ohne das

Begräbnis im Wasser?

Wenn ich mich erinnere,

dass er blutete am Pfahl,

wenn ich glaube,

wozu noch das Abendmahl?

 

Das eine weiß ich nur:

Alles schreit nach Form.

Kein Impuls kann bleiben,

ohne zu einer Äußerung

zu treiben.

Sogar mein Geist

war unzufrieden

in seinem himmlischen Stand,

bis er hier

Verkörperung fand.

 

 

DIE LEHRE

 

Ja, mein Kind,

ich sehe zu,

wie du die Stirn runzelst

und dich abmühst.

Ich könnte den Raum zu dir

viel leichter durchqueren.

Aber ich habe schon

gehen gelernt.

Deshalb locke ich dich,

zu mir zu kommen.

 

Na, komm schon! –

Da!

Siehst du?

 

Oh, denke

an diese einfache Lehre,

Kind!

Und wenn du

in späteren Jahren

mit geballten Fäusten

und Tränen in den Augen

hinausschreist:

„OH, hilf mir

Gott – bitte!“ –

Dann hör nur hin,

und du wirst eine

leise Stimme vernehmen.

 

„Wie gern, mein Kind,

ersparte ich dir Pein:

Doch du bist es,

nicht ich,

der sich

drin üben muss,

göttlich zu sein.“

 

 

 

 

AN DER KRIPPE

 

 

Fass ihn ganz zart an, den kleinen Jesus, -

steck ihn ins Bettchen!

Nein, Liebes, ich weiß nicht,

warum der weise Mann

auf seinem Kopf einen Turban trägt.

So zog man sich eben damals an.

Vorsichtig mit dem Lämmchen – am besten

hältst du es mit beiden Händen.

Es ist spät in Bethlehem.

Darum scheint der Stern so hell.

Er zeigte den weisen Männern,

wohin sie sich sollten wenden.

 

Nein, mein Schatz, dieser Stern

Kann nicht wirklich leuchten,

er ist aus Holz – er ist nur ein Abbild,

aber der Stern, nach dem wir

neulich nachts uns sehnten,

hoch über dem Mond am Himmelsgefild’ –

das war Wirklichkeit. Erinnerst du dich?

 

Das Lamm kann nicht blöken, Kleines,

nicht einmal wenn du eingeschlafen bist.

Es ist eine Art Ton. Aber du hast schon

die Schafe deines Onkels gehört.

Sie setzten die schneeverwehte Farm

zu nächtlicher Stunde in Alarm.

 

 

Das Jesuskind?

Auch aus Ton.

Doch hör zu, Liebling,

leg das Lämmchen ins Gras –

ich verspreche dir etwas,

ein Versprechen, das Gott halten wird:

So wie du Schafe hörtest

und Sterne sahst so weit,

wirst du einst diesen Jesus

sehn und hören

und kennen ihn in Wirklichkeit.

 

 

 

DER NUTZNIESSER

 

 

Ich war nicht dabei.

Doch man sagt,

es geschah für mich.

Am Kreuz geschah es

und im Grab.

Für mich –

stellvertretend.

 

Wie ist das möglich?

Es war sein Opfer,

nicht meines.

Er war es, der weinte

Und blutete,

nicht ich.

 

Es sei denn –

Grüble nicht, sieh –

auf einen Fingerdruck

erhalte ich sogleich,

was Edison

durch die Arbeit

seines Lebens erreicht.